Montag, 27. Juli 2015

Lob des Bakfiets

Wir leben im Autoland Deutschland in der Autostadt München und haben so unter der schlimmsten Erfindung aller Zeiten (abgesehen von Kriegswaffen) doppelt zu leiden. Im mittelalterlich dimensionierten Straßenumfeld drängeln sich immer mehr und immer größere und protzigere Fahrzeuge von BMW X1 bis Audi Q7. Zu Fuß oder mit dem Rad unterwegs, kann man nur versuchen auszuweichen und die Luft vor den "gereinigten" Abgasen anzuhalten. Selbst Auto fahren kostet unendlich viel Geduld und Zeit, wenn man bei "Grün" mal wieder vor der vom Querverkehr zugestellten Kreuzung warten muss (eine Münchner Unsitte, gegen die die Polizei nichts unternimmt).

Wir wollten uns an diesem Terror nicht mehr aktiv beteiligen und haben uns daher vor einem Jahr ein Transportrad angeschafft, ein Bakfiets Cargo long aus den Niederlanden. 

Ein wundervolles Gefährt. Es ist fast so schlank wie das erste Fahrrad, auf dem wir als Kinder das Radfahren lernten. Die Kiste zwischen Lenker und Vorderrad ist aber doch so groß und breit, dass zwei Kinder darin (auf der eingebauten Sitzbank) bequem sitzen und auch Einkaufstüten davor noch Platz finden können. Es fährt sich sehr agil und doch stabil, auch dank dem niedrigen Schwerpunkt, besonders wenn die Kiste besetzt ist. Es ist schwer, lässt sich aber mit seiner 8-Gang-Nabenschaltung doch immer gut beschleunigen und mit seinen Rollenbremsen (ähnlich Trommelbremsen) schnell abbremsen. Es ist recht solide verarbeitet, eben wie das klassische Hollandrad. Der gesamte lange Rahmen und die Vordergabel sind aus Stahl, die Dämpfung ist daher sehr gut. 

Die Übersetzung des Lenkeinschlags zwischen Steuerkopf und Vorderrad - durch ein Gestänge unter der Kiste - ist binnen einer ersten halben Stunde gelernt.

Die Kiste ist so lang, dass kleinere Kinder sich auch dort hineinlegen und während einer längeren Fahrt liegend schlafen können. Sonstiges Transportgut findet dann auf der Sitzbank Platz.



Die Kiste lässt sich mit einem Cabrioverdeck ausstatten. Selbst bei heftigem Regen bleiben so die Kinder und weiteres Transportgut wirklich trocken. (Laut unserem Bakfiets-Lieferanten ist das klappbare Verdeck besser und haltbarer als das einfachere Verdeck.)

Das Rad ist deutlich länger und schwerer als ein normales Rad und hat ein serienmäßiges stabiles Speichenschloss, daher ist es für Diebe keine so leichte und schnelle Beute. Freilich empfiehlt sich in der Öffentlichkeit stets, das Rad mit einem weiteren Schloss an einem Laternenpfahl oder dergleichen anzuschließen. 

Das Bakfiets ist trotz seinem langen Rahmen, wohl dank dem dicken Unterrohr, unglaublich stabil und somit auch halbwegs geländetauglich. Es schafft leicht manchen Feldweg jenseits des letztmöglichen Autoparkplatzes.



Wir haben das Glück, das Rad zuhause unter einer Überdachung abstellen zu können. Wer keine Garage oder Überdachung hat, kann eine Witterungsschutzdecke als Zubehör erwerben. Ein Fahrradkeller über Treppen ist mit dem Rad wegen Gewicht und Länge unerreichbar. 

In Deutschland sind Fahrradanhänger wie von Chariot recht verbreitet. Wir haben zunächst auch einen Chariot ausprobiert, konnten uns jedoch damit nicht anfreunden. Man hat immer heftig zu ziehen. Der Rollwiderstand ist bei 4 Rädern mit Anhänger spürbar viel höher als bei den 2 Rädern des Bakfiets. Auch sieht man die Kinder nicht und kann nicht so leicht mit ihnen kommunizieren. Im Bakfiets dagegen sehen Vater oder Mutter immer, was die Kinder sehen, und können sich alle bestens darüber unterhalten. Allein das schon macht das Rad für familiäre Nutzung viel attraktiver als einen Anhänger.

Wir haben auch andere Transporträder wie von Christiania, Niola oder Winther ausprobiert, bei denen die Kiste über einer Achse mit zwei Rädern liegt. Wir empfanden es jedoch als starken Nachteil, dass diese Räder sich in der Kurve nicht neigen können. Das Fahrgefühl ist dann nicht mehr das eines Fahrrads, sondern das eines Krankenfahrstuhls. Dies muss jedoch jeder für sich selbst probieren und entscheiden. Inzwischen gibt es auch solche Räder mit Neigetechnik, vielleicht wirken diese agiler. Wir lieben jedenfalls gerade die Agilität des einspurigen Bakfiets.

Das Kastenrad gibt es seit einigen Jahren auch in einem modernen Re-Design und als pedelec, das ebenfalls niederländische Urban Arrow. Das klassische Bakfiets kostet ca. 2000 Euro, das moderne Urban Arrow mit Motor fast 4.000 Euro. Das Urban Arrow ist leichter gebaut, dafür hat es aber erhebliches Mehrgewicht durch den Motor und Akku. Wir haben es probegefahren und fanden, dass dem Mehrpreis kein entsprechend hoher Mehrwert gegenübersteht. Zudem muss man immer berücksichtigen, dass jede Konstruktion, je aufwendiger, desto störanfälliger ist, Wir haben daher das Bakfiets ohne Motorunterstützung bevorzugt. Unsere Fahrstrecken haben aber auch kaum längere Steigungen, bei denen eine Motorunterstützung erleichternd wäre. Auch Bakfiets.nl selbst bietet eine Version mit Motorunterstützung an, die haben wir allerdings nicht probegefahren. 

Auch das rein mechanische Bakfiets hat gewisse, allerdings geringe Schwächen. So ist der Bowdenzug zur Schaltungsnabe (Shimano) so lang, dass er öfters etwas ausleiert und der Schaltweg dann nachjustiert werden muss. Das Hinterrad ist mit einem Rockschutz verkleidet, der eher etwas minderwertig befestigt ist, so dass er hin und wieder am Hinterrad schleift. Die Vorder- und Rückleuchte sind windig verkabelt, so dass daran hin und wieder etwas repariert werden muss.

Insgesamt aber ein wundervolles Fahrrad für 3, auf welches wir nicht mehr verzichten können und wollen. Dem Autoverkehr können wir nur entgegenrufen "Viva la Bakfiets!"

Wer sich für das Bakfiets und andere Lastenräder näher interessiert, findet viel mehr Info und Erfahrungsberichte bei Jan Steinberg und seinem Blog http://bakfietsblog.blogspot.de. Vielen Dank an Jan auch von uns für diesen schönen Blog über diese nützlichen Fahrräder.

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